"TIA" (This is Africa)

„TIA“, das ist der Ausruf der in Verbindung mit einem Schulterzucken getätigt wird und der das Leben hier um einiges einfacher macht. Denn eins habe ich in den letzten Wochen gelernt: Man kann sich an alles gewöhnen.
Ich konnte schon mehrere Dinge auf meiner „Einfach-Schulterzucken-und-trotzdem-machen“-Liste (Auch genannt die „TIA“ (This is Africa)-Liste) abhaken.
Dazu gehören zum Bespiel:

- eine Made in seinen Bohnen finden, sie rausfischen, nicht schreien, Schulterzucken, „“TIA“ sagen, weiter essen.
- dringend in Kunduchi auf die Toilette müssen, nach der Toilette fragen, zum Dorfplatz geführt werden, ein paar im Kreis aufgestellte Bambusstäbe als Wand sehen, Schulter zucken, „TIA“ sagen, und in ein (von vielen benutztes) Erdloch pinkeln.
- in aller Öffentlichkeit versuchen afrikanisch zu tanzen (!!!!!)

Auf den letzten Punkt muss ich genauer eingehen.
Zu meiner wirklich extrem großen Freude, hatte ich die Ehre auf einer tansanischen Hochzeit eingeladen zu sein. Mama Leah aus dem Waisenhaus hat geheiratet und kurzer Hand alle Mitarbeiter, Waisenkinder und Volunteers eingeladen. Für mich hieß das auf dem Markt ein tansanisches Kleid kaufen und hin! Es war ein einmaliges Erlebnis.
Schon die Hinfahrt. Wir hatten einen Bus gemietet und ihn festlich geschmückt. Als alle Kinder, Mitarbeiter und Volunteers darin verstaut waren, wurde die tansanische Musik aufgedreht, die Fensterscheibe runtergekurbelt und die einstündige Fahrt ins Landesinnere angetreten.
Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto größer wurde unsere Wirkung auf Passanten. Irgendwann in einem kleinen Dorf, hatten wir sogar eine Schar Kinder, die hinter unserem Bus herrannten, als Weggefährten.
Dann kamen wir an. Die Kirche war eine Holzhütte mit Blechdach und schiefem Holzkreuz oben drauf. Daneben das Festzelt, bestehend aus Holzpfeilern und einer Plane der Uno-Flüchtlingshilfe. Davor mindestens 200 Hochzeitsgäste. Alle in ihren besten Kleidern und angeregt schnatternd. Unsere weiße Gruppe war natürlich ein Highlight (im warsten Sinne des Wortes) - besonders für die Kinder. Da wir recht spät losgekommen waren, fing die Messe auch gleich an. Das heißt, alle Hochzeitgäste fingen an zu tanzen und zu singen und versuchten, so gut es ging, in die Kirche zu gelangen. Da natürlich nicht alle reinpassten, gab es die ganze Messe über einen fliegenden Wechsel, damit möglichst jeder Mal ein bisschen Messe angucken konnte. Wir durften die ganze Zeit drinbleiben und hatten sogar Sitzplätze.
Die Stimmung war fantastisch und bis auf die etwa einstünde Predigt des Nelson-Mendela-Lookalike-Priesters auf Swahili, wurde die ganze Zeit getanzt und gesungen. Bis auf das weiße Brautkleid und die Eheringe, konnte ich wenig Parallelen zu einer katholischen Hochzeit in Deutschland feststellen. Was ich nicht schlecht fand, denn die Stimmung bereitete mir fast die ganze Zeit über Gänsehaut.
Nach der Trauung gab es für jeden Gast eine Limonade. Dann wurde sich bei jedem Gast persönlich bedankt. Danach wurden (und jetzt kommt mein Getanze ins Spiel), von jedem Gast in tanzender Form die Geschenke überreicht. Das heißt, es wurde eine Parade gebildet, die zum Brautpaar tanzte und Geschenke wie Stoffe, Haushaltsgeräte und Geld überreichte. Ich war natürlich ein, gezwungener Maßen tanzender, Teil dieser Parade. War aber gar nicht so schlimm.

Dann gab es Essen, dass, wie hier üblich, mit den Fingern gegessen wurde. Hier werden deshalb vor jedem Essen die Hände gewaschen. Selbst im Restaurant kommt ein Kellner mit Schüssel, Kanne und Seife, damit man sich vor dem Essen die Hände wäscht.
Das würde bei McDonalds niemandem einfallen, obwohl man dort auch kein Besteck dazu bekommt.
Und schon war der Hochzeitsspaß für uns zu Ende, weil die Waisenkinder schließlich auch mal ins Bett mussten. Leider fing die Party bei Sonnenuntergang erst richtig an. Auch wenn ich nicht verstehe, wo die weitere Kondition für noch mehr Getanze herkommen soll.
Es war auf jeden Fall ein super Erlebnis.

Aber natürlich gibt’s auch Dinge, die mir hier ein wenig zu schaffen machen. An die erste Stelle setze ich die Luft. Da es weder für Fabriken noch für Fahrzeuge irgendwelche Regelungen gibt was Abgase angeht und dazu noch fast jede Straße aus staubigem Erdboden besteht, der bei jedem Auto aufgewirbelt wird, habe ich doch manchmal etwas Skrupel ein tiefen Atemzug zu tätigen.
So richtig merkt man den Unterschied aber erst wenn man die Stadt verlässt.
Wir haben einen Ausflug nach Mbudya gemacht, eine kleine Insel vor der Küste. (Weißer Sand, türkises Wasser, Palmen, Riesenmuscheln, blablabla). Und während meine Lunge sich weitete und die frische Luft einsog, blickten meine Augen auf die graue Smogwolke über der hinter mir liegenden Stadt.

Ansonsten bin ich von Dar es Salaam aber positiv überrascht. Besonders, wenn man ins Zentrum fährt steht sie anderen Großstädten dieser Erde in (fast) nichts nach. Es gibt Supermärkte mit Nutella und Haribo, Kinos, Einkaufszentren, Hochhäuser, Subway-Filialen und Burgerläden , Frozen Yoghurt-Geschäfte und eigentlich alles, was man sich dank medial vermitteltem Afrikabild, nicht vorstellt.
Das „fast“ bezieht sich auf korrupte Bürgermeister, fehlendes Sozialsystem und nie fertiggestellte Protzbauten. Wobei…ach egal. Deutschland lass ich da jetzt raus.

Die Leute in der Stadt sind wahnsinnig durchgemischt. Muslime und Christen, Reiche und Arme. Die einen haben eine Villa und einen Geländewagen, die anderen eine Holzhütte und viele Kinder.
Die einen sind mit einer Burka verschleiert, andere sind junge Mädchen mit Jeansrock und Tangtop.
Wieder andere, gar nicht so wenige, sind hochgewachsene Massai, mit buntem Tuch um den Leib, Schnürsandalen und Holzstab.
Die ethnologische Feldforscherin in mir führt einen inneren Discofox auf.

Generell hab ich aber nun vollends das Gefühl angekommen zu sein. Ich hab schon gefühlte 20 Telefonnummern von Männern und zwei Heiratsanträge von 7-jährigen.
Wenn ich zum Bajaji-Stand gehe (diese Dreiräder heißen doch Bajaji, und nicht Machachi), rennen schon die Fahrer auf mich zu und rufen meinen Namen und mein Ziel, was das Fahren eben dorthin viel einfacher macht.
Auch meine Tutorkinder, zu denen jetzt noch ein dritter, Pascal, dazugekommen ist, und meine Klasse in Kunduchi, von der ich jetzt jeden Namen weiß, sind mir sehr fest ans Herz gewachsen und der Gedanke, dass schon drei Viertel meiner Freiwilligen-Zeit vorbei sind, passt nicht in meinen Kopf.
Dennoch freu ich mich auch auf meine Schwester und das Reisen durch das Land danach.

Man darf, und das gilt auch für mich, noch gespannt sein.

Lieben Gruß,

 

Anna
 

7.9.14 17:02

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